DIE GELBEN ENGEL

Blick ins Büro

Wie arbeiten die Menschen in der Region Ulm / Neu-Ulm? Für diese Ausgabe waren wir zu Besuch auf der Luftrettungsstation am Bundeswehrkrankenhaus und haben uns mit dem Pilot der ADAC Luftrettung Marc Rothenhäusler über die Arbeit auf der Station und in der Luft unterhalten. Anästhesistin am BWK und Fotografin Sylvi Thierbach war für die Fotos mit der Rettungs-Crew unterwegs und gibt uns einen spannenden Einblick in deren „Büro“.

Fotos: Sylvi Thierbach
Text: Julia Cretu

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Uhochdrei: Seit wann arbeitest du als Luftrettungspilot?
Marc: Ich bin mittlerweile seit elf Jahren bei der ADAC Luftrettung tätig und seit acht Jahren in Ulm auf dem „Christoph 22“ (ADAC Rettungshubschrauber, stationiert am Bundeswehrkrankenhaus Ulm, Anm. d. Red.).

Wie sieht ein typischer Arbeitsalltag aus? Gibt es das bei euch überhaupt?
Wir fangen morgens eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang, frühestens um 6.30 Uhr, an, machen eine Vorflugkontrolle, überprüfen die medizinische Ausrüstung und checken das Wetter und spezielle Nachrichten für Luftfahrer. Wenn alles passt, melden wir uns um 7 Uhr zum Dienstbeginn bei der Rettungsleitstelle an und dann frühstücken wir gemeinsam auf Station: Der Pilot, der Notfallsanitäter, der Notarzt und die Fahrer vom Deutschen Roten Kreuz.

Notfallsanitäterin Claudia Reich und Pilot Marc Rothenhäusler

Notfallsanitäter Matthias Heigl und Marc

Und ab da kann es jederzeit passieren, dass ihr plötzlich weg müsst?
Es ist nicht untypisch, dass wir drei Mal am Tag versuchen zu frühstücken und irgendwann mittags sagen: „Okay, jetzt können wir den Frühstückstisch auch abräumen.“

PILOT MARC

Steht man da nicht die ganze Zeit unter Strom?
Mittlerweile nicht mehr. Wir reden über Gott und die Welt und wenn dann der Melder geht, lassen wir alles stehen und liegen und es geht los. Dann sind wir innerhalb von anderthalb bis zwei Minuten nach Alarmierung in der Luft.

Wie lange dauert ein Einsatz im Durchschnitt?
Zwischen 45 Minuten und anderthalb Stunden.

Wie viele Einsätze habt ihr durchschnittlich pro Tag und pro Jahr?
Im Winter zwischen 3 und 5, im Sommer zwischen 5 und 8. Mal mehr, mal weniger. Im Jahr sind es ungefähr 1.500 Einsätze.

Wie lange seid ihr täglich im Dienst?
Von sieben Uhr bis Sonnenuntergang. Im Sommer haben wir teilweise bis zu 15 Stunden Dienstzeit am Tag. Wobei in dieser Dienstzeit ja auch eine gewisse Ruhezeit inbegriffen ist. Wir dürfen natürlich auch nicht 15 Stunden am Stück Einsätze fliegen. In der Regel melden wir bei 10 Stunden den Hubschrauber ab. Im Sommer kann es sein, dass das um 18 Uhr der Fall ist, auch wenn der Sonnenuntergang erst um 21.30 Uhr ist. Wenn man zehn Stunden bei 35 Grad im Schatten unterwegs ist, kann das ganz schön anstrengend sein. Da muss es ein Limit geben, um die Crew zu schützen. Die Sicherheit steht für uns immer an oberster Stelle.

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Und dann fliegt niemand mehr?
Wenn das der Fall sein sollte, ja. Aber das kommt nicht oft vor. Sollte dann dennoch ein Hubschrauber benötigt werden, würde einer der umliegenden Standorte den Einsatz übernehmen.

Zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang wird überhaupt nicht geflogen?
Im Sommer kann es vorkommen, dass wir kurz vor Feierabend noch einen Einsatz annehmen, wenn unsere Sicht nicht limitiert ist. Ein typisches Beispiel ist der Grillunfall im Hochsommer um 21 Uhr. Wir müssen dann mit Restlicht an der Einsatzstelle gelandet sein. Danach können wir den Patienten aber noch nach München in die Spezialklinik fliegen, weil die Landeplätze der Krankenhäuser beleuchtet sind. Und dann fliegen wir auch wieder nach Hause. Aber momentan können wir nicht mehr bei Nacht, zum Beispiel in Neu-Ulm an der Donau, landen. Wer weiß, was die Zukunft noch bringen wird…

Matthias Heigl beim abendlichen Einholen der Maschine

Wer ist bei einem Einsatz immer dabei?
Die normale Besetzung ist: Pilot, Notarzt und Notfallsanitäter. Über die Wintermonate sind wir manchmal auch zu viert unterwegs. Da fliegen auch mal Disponenten der Rettungsleitstelle und Notärzte oder Rettungsfachpersonal, die Notarzt-Erfahrungen sammeln oder zukünftig auf den Rettungshubschrauber zum Einsatz kommen, mit.

Notfallsanitäterin Claudia Reich und Marc im Cockpit

Was sind die häufigsten Gründe dafür, dass ihr gerufen werdet?
Die traumatischen Fälle, wie Betriebsunfälle, Sportunfälle oder Stürze aus großer Höhe, machen zwischen 30 und 40 Prozent unserer Einsätze aus. Alles andere sind internistische Notfälle, wie Schlaganfälle oder Herzinfarkte. Wir haben die Besonderheit, dass wir innerhalb von kürzester Zeit längere Strecken zurücklegen können. Ein Notarztwagen hat ein Einsatzgebiet von 15 Kilometern. Bei uns sind es zwischen 50 und 70 Kilometer. Dadurch sind wir meistens bei jedem schlimmeren Verkehrsunfall im Umkreis von 70 Kilometern dabei.

Was passiert, wenn den ganzen Tag so schlechtes Wetter ist, dass ihr nicht fliegen könnt?
Dass das Wetter so schlecht ist, dass wir den ganzen Tag nicht fliegen können, passiert selten. Wenn wir nicht fliegen, haben wir immer genug zu tun. Das Bürokratische nimmt auch bei uns deutlich zu. Der Notarzt muss sein Protokoll ins System bringen, der Pilot die Flugdaten und der Notfallsanitäter die ganzen Personalien der Patienten. Wir kontrollieren, ob unsere Gebrauchsgegenstände vollständig sind oder es wird die Maschine geputzt. Also langweilig wird uns definitiv nicht. Wenn wir nicht fliegen können, ist das für die Patienten natürlich schlecht, aber das heißt nicht, dass sie nicht versorgt werden. Außerdem stehen der Notarzt und der Notfallsanitäter mit einem Notarztwagen für Einsätze im Nahbereich zur Verfügung.

Marc beim Wettercheck

Was treibt dich an, diesen Beruf auszuüben?
Ich wollte mit fünf Jahren schon Hubschrauberpilot werden. Letztendlich ist viel Glück und Durchhaltevermögen gefragt gewesen. Ich habe mich damals bei der Bundeswehr beworben, das hat leider nicht geklappt. Dann habe ich meinen Zivildienst im Rettungsdienst und zivil meinen Pilotenschein gemacht und bin dann doch noch hier gelandet, wo ich eigentlich immer hinwollte. Nur eben nicht militärisch, sondern zivil. Da habe ich schon Glück gehabt, dass alle Zahnrädchen ineinander gespielt haben. Die tägliche Arbeit in einem gut funktionierenden Team und den Menschen in Notsituationen zu helfen, dafür hat sich der Aufwand definitiv gelohnt.

 

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Foto: René Thierbach

ANÄSTHESISTIN UND FOTOGRAFIN SYLVI THIERBACH FING DIE BILDER DIESER STRECKE EIN
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Instagram: @iniont