FAIR FASHION

FAIRES AUS DEM FISCHERVIERTEL

Gefühlt fernab, und doch nicht weit vom Trubel der Hirschstraße, findet man im Fischerviertel einen der wenigen Fair Fashion Stores Ulms: In “Fischerins Kleid & Seemanns Garn” bietet Annemarie Brückner stylische Damen- und Herrenbekleidung sowie Accessoires aus nachhaltiger Herstellung. Uns hat die Inhaberin verraten, warum sie sich auf faire Mode konzentriert und worauf es ihr dabei ankommt.

 

TEXT: HEIDI WERNER
FOTOS: JONAS REHM

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Annemarie, wann hast du „Fischerins Kleid & Seemans Garn“ eröffnet und wie kam es dazu?
Annemarie: Eröffnet habe ich den Laden im Oktober 2015. Ich bin 2012 mit meinem Mann nach Ulm gekommen, habe hier Damenschneiderin gelernt und dann in München in einer kleinen Schneiderei gearbeitet. Das war mir auf die Dauer zum Pendeln zu lange. Eine Stelle in Ulm gab es gerade nicht, eine eigene Schneiderei aufzumachen war mir aber zu riskant. Dass das Fair-Fashion-Angebot hier noch dürftig war, ist nicht nur mir aufgefallen: Mit der Bestätigung von Freunden habe ich dann beschlossen Fair Fashion zu machen und den Laden innerhalb von drei oder vier Monaten eröffnet.

Damals hast du in Ulm wahrscheinlich noch nicht viele Menschen gekannt. Ist es dann nicht schwierig, ein Geschäft zu eröffnen?
Darüber macht man sich im Nachhinein viel mehr Gedanken. Man macht es halt und guckt, dass es irgendwie funktioniert. Natürlich gehört auch eine Portion Glück dazu. Viele Leute habe ich hier allerdings wirklich nicht gekannt.

Was für Kleidung bietest du deinen Kunden?
Legere Kleidung, die man gut im Alltag, teilweise auch mal zu einer Feierlichkeit oder ins Büro anziehen kann.

Was genau bedeuten Mode und Nachhaltigkeit für dich?
Ich finde es unheimlich wichtig, dass den Kleidungsstücken der Wert beigemessen wird, der in ihnen steckt. Die Arbeit fängt ja schon auf dem Baumwollfeld oder bei den Schafen an, die gezüchtet und für die Wolle geschoren werden. Leute, die in der konventionellen Bekleidungsherstellung arbeiten, arbeiten häufig unter katastrophalen Bedingungen, was Entlohnung, Arbeitszeiten, aber auch die Gebäudesicherheit angeht. Man hat das ja am Rana Plaza in Bangladesh gesehen – das ist irgendwann in sich zusammengekracht. Das möchte ich einfach nicht unterstützen. Also habe ich Labels gesucht, die in Fabriken weben, nähen und färben lassen, in denen es anständig zugeht.

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Dir geht es also um beides – faire Arbeitsbedingungen und ökologische Herstellung?
Das gehört für mich zusammen. In einer Umwelt, die kaputt ist, kann auch keiner mehr leben.

Wie wählst du Labels aus? Transparenz ist ja selbst in der nachhaltigen Mode nicht immer gegeben.
Am liebsten rede ich mit den Gründern selbst darüber, was sie dazu bewegt, anständige Kleidung herzustellen. Die Gründer der kleinen Labels treffe ich auf Messen, wo sie ihre Sachen selbst noch verkaufen. Von den größeren Labels kenne ich die Gründer nicht, da treffe ich aber die Vertriebsleute auf den Messen.

Was ist mit Zertifizierungen?
Die schaue ich mir natürlich an. Wenn ein Label im Aufbau ist, kann es allerdings noch nicht alle Zertifizierungen haben, weil das eine Stange Geld kostet. Aber wenn ich sehe, dass sie nicht in den und den Fabriken herstellen lassen, oder dass sie andere kleine Familienbetriebe unterstützen, die auch noch nicht zertifiziert sind, ist das in Ordnung für mich. So eine Vertrauensbasis muss es geben. Wenn ich denke, das passt irgendwie nicht, dann sage ich auch „Nein“.

“Buy less, choose well, make it last” – lässt du dich von diesem Zitat der britischen Designerin Vivienne Westwood leiten?
Ja, schon. Ich finde, man sollte nur Kleidungsstücke kaufen, die man gerne und lange anzieht. Solche, die nicht einmal getragen werden und dann in den Schrank kommen, soll man zurückbringen. Lieber kauft sie jemand, der sie wirklich viel trägt. Auf diese Weise sucht man sich seine Kleidungsstücke natürlich anders aus. Das machen viele Kunden hier im Laden so. Das ist was anderes, als wenn beim Black Friday sich die Leute wahllos auf alles stürzen und sich gar nicht damit beschäftigen, was sie kaufen. Außerdem repariere und ändere ich Kleidung auch selber. Das finde ich wichtig, denn die Sachen sollen lange halten.

Reparierst und änderst du auch Kleidung von Fast-Fashion-Ketten oder Discountern?
Ja. Wenn sie sowieso schon da ist, soll sie wenigstens so lange wie möglich getragen werden. Viele Kundinnen kommen auch mit einem Kleidungsstück, einem Rock oder so, von ihrer Mutter oder Großmutter, und sagen mir: „Der gefällt mir so gut, aber der ist mir zu lang“. Dann mache ich den Rock kürzer und die Kundin freut sich, denn da steckt ja auch ein ideeller Wert drin.

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Aber ist das nicht schlecht für dass Geschäft, für den Verkauf von fairer Mode?
Das ist ja gerade das, was ich nicht will – auf Teufel komm raus verkaufen. Die Leute sollen wirklich nur das kaufen, was ihnen gefällt. Jeder Verkäufer würde mir zwar sagen, dass ich bescheuert bin, aber da schere ich mich nicht drum.

Wie steht es mit nachhaltiger Mode generell in Ulm und Neu-Ulm?
Es gibt ja schon so ein paar kleine Läden, wie den Weltladen, Argo, Rabe, Oxfam oder Second-Hand-Läden, wie den Kleiderrausch. Für Kinder ist es momentan noch schwierig. Ich habe auch überlegt das anzubieten, aber ich bringe Kinderkleidung hier nicht unter. Das Bewusstsein der Ulmer ist jedenfalls da. Vor allem Jüngere interessieren sich für Fair Fashion.

Was möchtest du den Ulmern, die dieses Bewusstsein noch nicht teilen, ans Herz legen?
Dass sie sich einfach überlegen, wie sie selber behandelt werden möchten, und das auch allen anderen zugestehen. Dann bleibt eigentlich nichts anderes übrig als auch zu schauen, wo man seine Klamotten einkauft. Ich werde aber niemandem mit dem erhobenen Zeigefinger sagen, du bist ein schlechter Mensch, wenn du es nicht machst. Im Grunde liegt es im Ermessen eines jeden Einzelnen, wie er sein Leben leben möchte.

Haben es Leute mit Ideen und Idealen wie du in Ulm schwer, etwas auf die Beine zu stellen?
Ich habe nicht die Erfahrung gemacht, das mir irgendetwas schwer gemacht wurde. Die Nachbarschaft hat mich hier im Fischerviertel willkommen geheißen. Damals gab es das Frauenzimmer gegenüber noch, die auch Klamotten verkauft haben. Da hieß es: „Wenn du etwas brauchst, komm‘ rüber“. Und so war das mit allen hier.

Ihr Händler unterstützt euch also gegenseitig?
Ja. Ich bin auch niemand, der einer Kundin sagt: „Du musst den Pullover hier finden, wir suchen jetzt“. Wenn sie hier nichts findet, überlege ich, in welchen Läden sie fündig werden könnte und schicke sie dorthin. Mit einigen Händlern ist das eine Selbstverständlichkeit geworden, dass man so quasi zusammenarbeitet. Denn das ist ja, was der Kunde will: Der möchte nicht irgendeinen Pullover haben, den er aufgeschwätzt bekommt, sondern den, den er tatsächlich will. Ich finde es ganz schön, dass so ein Umdenken bei den Händlern stattfindet, dass das nicht nur Konkurrenz ist, sondern auch ein Miteinander.

Du organisierst hier im Laden auch Veranstaltungen, wie Lesungen und Vorträge. Was steckt dahinter?
Dass ich nie wollte, dass das ein reiner Verkaufsraum ist, sondern dass hier auch Leben drinsteckt. Literatur interessiert mich persönlich, und ich nehme auch unheimlich gerne Bücher in die Hand. Das ist wie mit Klamotten – den Stoff zu spüren ist was Ähnliches wie in einem Buch die Seiten umzublättern. Zu Fair Fashion mache ich auch hin und wieder etwas. Zum Beispiel bin ich bei der Fashion Revolution dabei, die im April wieder ansteht.

Wie geht es bei dir weiter? Hast du Pläne?
Am Laden will ich grundsätzlich nicht so viel ändern. Eine Kette daraus zu machen, wäre nicht mein Ding. Wenn, dann möchte die Leute in der Stadt mehr vernetzen und mit ihnen Veranstaltungen auf die Beine stellen.




„Who made my clothes?“

Zum Fashion Revolution Day, am 24. April,
werden die sozialen Netzwerke wieder voller
Fotos von Menschen sein, die ihre Kleidung auf
links tragen und so das Label „Made in …“ zeigen.
Sie stellen den Modemarken damit die Frage:
„Who made my clothes?“
Wie produziert ihr? Wo? Seid ihr fair?

Mach’ auch du mit! Ausdrucken oder im Magazin
ausschneiden, Foto machen, hochladen, Marke
markieren, die Welt verbessern.
Mehr Infos unter:
fashionrevolutionweek.com

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